Mature and Angry, Centre for Contemporary Art Plovdiv, BG
2015



Passagen
Silvie Aigner

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Hermann Hesse, Poesie des Aufbruchs

"Du glaubst, dass du eine Reise machen willst, und begreifst bald, dass sie, die Reise, diejenige ist, die dich macht oder aufmacht", schrieb der Schweizer Schriftsteller und Reisautor Nicolas Bouvier. Ist es das Bedürfnis nach Neuem oder eine gewisse Rastlosigkeit, eine innere Notwendigkeit, oder sind es schlichtweg äußere Umstände, die Olaf Osten immer wieder dazu anregen, aufzubrechen – an andere Orte zu ziehen? Allerdings ist die Reise stets mit einer sicheren Rückkehr verbunden, lebt und arbeitet der Künstler doch seit mehr als 15 Jahren in Wien. Die Frage, ob diese Rückkehr und der Wunsch nach dem gewohnten Alltag bereits als "Heimkommen" bezeichnet werden können, würde er wahrscheinlich dennoch verneinen. Der Aufbruch als Flucht vor dem ständig gleichen Umfeld oder, wie Hesse schreibt, vor der lähmenden Gewöhnung an den Alltag mag einer der Gründe sein, doch weit mehr ist es die Neugierde auf das Fremde und Unbekannte sowie der Sog des früheren Lebensmittelpunktes Norddeutschland.

Die Serie PENDELN basierte zunächst auf Olaf Ostens Reisen zwischen Hamburg und Wien und den Aufenthalten in den beiden Städten, die ihm gleichermaßen vertraut sind. Sie stellte den Versuch dar, das Neben- und Miteinander der beiden Städte im Bewusstsein des Künstlers zu verbinden. Olaf Osten ist aus dieser geografischen Limitation jedoch ausgebrochen, längst umfasst die Serie weitere Landschaften und Städte wie Brünn, New York, Barcelona, Lübeck, Rügen oder Bezau. Entstanden während der letzten fünf Jahre, ist Pendeln zugleich auch so etwas wie eine biografische Notiz. Der Blick aus dem Fenster im Zug, die vorbeiziehende Landschaft oder die Weite des Himmels aus dem Flugzeugfenster. Das Skizzenblatt des reisenden Künstlers ist ein ausgedienter Taschenkalender. Damit man erst gar nicht auf die Idee kommt, die jeweiligen Daten mit seinen Reisezielen oder Stadtansichten zu verbinden, dreht er ihn um. Das Datum und die Zeichnung haben keinen kausalen Zusammenhang, und doch entspinnt sich ein formaler Dialog zwischen den Linien, Flächen und der gedruckten Vorlage. Zuweilen ergibt sich auch eine zufällige Verschränkung mit den dazumal getätigten Termineintragungen des Künstlers. Die Präsentation der Original-Zeichnungen auf Taschenkalender erfolgt dann in Form von hochwertigen Prints auf Leinwand.

Die Zeichnungen halten Stimmungen fest, Eindrücke von einem Lande oder einem Ort, die touristischen Sehgewohnheiten verborgen bleiben, sobald diese sich an repräsentativen Sehenswürdigkeiten festmachen. Vieles davon bleibt jedoch auch dem Blick des Einheimischen fremd, da er im Vertrauten kaum mehr das Besondere sieht. "Vielleicht ist es so, dass sich der wahre Reisende immer im Auge des Sturmes befindet. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Im Auge ist es still und wer sich darin befindet, kann gerade die Dinge unterscheiden, die den Sesshaften entgehen", zitiert Cees Nooteboom in seinem Buch Nootebooms Hotel den arabischen Philosophen Ibn al-Arabi. Olaf Osten interessiert weniger die repräsentative Fassade der Orte – wenngleich der Hafen von Hamburg oder das Wiener MuseumsQuartier durchaus als charakteristische Plätze gelten können – vielmehr sind es Details wie die Unteransicht einer Brücke über den Donaukanal, die Fassade eines Hamburger Hauses, ein typisches Wiener Stiegenhaus, das Serapionstheater in Wien, ein Frühstücksdeli in Manhattan, ein Ausblick aus dem Fenster in Brünn oder das Geschehen auf einer Baustelle am Wallensteinplatz. Olaf Ostens Stadtporträts sind enge Ausschnitte einer Stadt, deren kleine Details jedoch diese erst charakterisieren. Die Fülle und der Variantenreichtum der Serie sind eindrucksvoll. Sie ergibt in ihrer Gesamtheit einen Rhythmus persönlicher Jahresabläufe des Künstlers. Bis heute entstehen die Zeichnungen ungeplant, stimuliert durch den jeweiligen Eindruck. Sie nehmen die Spuren der Zeit und der persönlichen Aktivitäten des Künstlers auf. Palimpsestartig überlagern sich hier Schichten der künstlerischen und privaten Biografie Ostens, ohne anekdotisch zu sein. Die Beiläufigkeit und Zufälligkeit des ausgewählten Motivs unterstreicht der Künstler durch die skizzenhafte, manchmal schnell und bewusst krakelig gesetzte Linie. Das Überschneiden der Motive, wie u.a. im Bild der Lerchenfelderstraße, wo Straßenbahn, Passanten und die Häuserzeilen einander überlagern, verweist auf die Gleichzeitigkeit des Geschehens und auf die vielfältigen urbanen Bewegungen, die ins Bewusstsein der Wahrnehmung rücken – wenn auch oft nur für einen kurzen Augenblick.

Die Bilder erzählen von den urbanen Zwischenwelten, der zeichnerische Prozess wird zu einer individuellen Annäherung, die über das Gesehene hinausgeht, um die Atmosphäre des Ortes auszudrücken und seinen Schwingungen nachzuspüren. Teilweise sind die Bilder konkret, in anderen Zeichnungen skizziert er nur flüchtig das Geschehen, wie in der Darstellung der "Enzi-Sitzmöbel" im Wiener MuseumsQuartier. Szenen im Innenraum wechseln mit der Darstellung der Straßen. Doch selbst dort, wo nur wenige Striche den Ort andeuten, erkennt man die jeweilige Stadt. "Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen", schrieb Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Wie die Bewegung in den Straßen schwingt, charakterisiert, so Musil, eine Stadt bei Weitem früher als irgendeine bezeichnende Einzelheit. Die Arbeiten sind, ohne festgelegten formalen, kompositorischen oder logischen Zusammenhängen zu folgen, auch eine Kartografie der Zeit. Die Dauer des Zeitraums bleibt allerdings im Unbestimmten, was Vergleiche zu den Diarios des argentinischen Künstlers Guillermo Kuitca zulässt, der zu seiner Serie schrieb: "Es gibt keinen Begriff von Vollendung, keinerlei Erwartung eines Resultats."

"Wir müssen die Welt immer wieder neu entdecken, neu sehen und dabei lernen, neu aufzufassen."

Landkarten verdichten sich in der zweiten Serie des Künstlers zu poetischen und territorialen Vorstellungswelten, in denen sich Realität und Fiktion überlagern. Olaf Osten vermisst die Welt neu und generiert neue räumlichen Zusammenhänge und neue formale Spannungsfelder. An die Stelle des Taschenkalenders treten Seiten aus herkömmlichen Schulatlanten. Der Künstler thematisiert dabei das Paradoxon der Landvermessung, ganz im Sinne der Diskussion, die in Daniel Kehlmanns Roman Pater Zea mit Alexander von Humboldt führt. Der eine, der die Landschaft in ihrer unmittelbaren Wahrnehmbarkeit sieht, der andere, der sie vermisst, um mittels der Linien die Vielfältigkeit der Welt überhaupt erfassen zu können. "Linien gebe es überall, sagte Humboldt. Sie seien eine Abstraktion. Wo Raum an sich sei, seien Linien. Raum an sich sei anderswo, sagte Pater Zea. Raum sei überall! Überall sei eine Erfindung." Es ist eine rationale Ansicht der jeweiligen Landschaft, so auch Olaf Osten, "aber so sieht die Welt nicht aus, wir nehmen sie in dieser Vogelperspektive nicht wahr. Unser Blick orientiert sich am Terrain – am Horizont."

Der Horizont bildet seit jeher eine Konstante in den Arbeiten von Olaf Osten, vor allem in der Werkserie Fernsehen, die nun mit den aktuellen Landkartenbildern fortgesetzt wird, die konsequenterweise dieselben Titel tragen und mit fortlaufenden Nummern versehen sind. Olaf Osten durchbricht die kartografische Ansicht und setzt über die Landkarte eine abstrakte Malerei, die jedoch dann unwillkürlich, im Zusammenspiel zwischen Karten und Farbe, wieder an Landschaftliches erinnert. Das Land wird zur Meeresbucht, Länder verschwinden im Meer, und Landstriche, die nie am Wasser lagen, werden zu steil abfallenden Klippen. Gestisch, opak und dann wieder transparent und nahezu anarchisch ermalt sich Olaf Osten eine neue Welt. Die tatsächliche Landkarte spielt kaum eine Rolle, außer dass sie zum Referenz­rahmen für die Farbwahl des Künstlers wird. "Anders als in den Taschenkalendern geben die Atlanten eine Struktur vor. Daran kann man sich orientieren oder nicht, auf jeden Fall öffnen sie ein breites Spektrum, um das Vorgegebene zu erweitern oder zu übermalen. Ich zeige die Natur ohne die mathematische Verortung der Landkarte."








 

 


Passages
Silvie Aigner

We must prepare for parting and the journey
or else remain the slaves of permanence.
Hermann Hesse

"You think you are making a trip, but soon it is making you – or unmaking you," writes the Swiss author and travel writer Nicolas Bouvier. Is it the need for something new, or an inner restlessness, an inner necessity, or is it simply external circumstances that again and again motivate Olaf Osten to move on – to go to other places? His travels, however, are always linked to the certainty of return: the artist has, after all, been living in Vienna for more than fifteen years. If asked whether this return and the desire to get back to everyday routines could be referred to as "coming home", the artist would probably answer in the negative. Departure as flight from unchanging surroundings, or as Hesse writes from the slavery of permanence, may be one of the travel motivators, but it is more of a matter of curiosity regarding the alien and the unknown, and Osten's yearning for his earlier domicile, Hamburg.

Initially the series COMMUTING was centered on Olaf Osten's travels between Hamburg and Vienna, and on the time spent in both cities, with which he is equally familiar. It represented an attempt to link the coexistence and interconnection of both cities in his conscious thinking. Osten has broken out of this geographic limitation, however, and the series has long since come to include further landscapes and cities such as Brno, New York, Barcelona, Lübeck, Rügen and Bezau. Created during the last five years, Commuting is also something like a biographical notebook: the view from the train window, the landscape rushing by, or the great expanse of sky outside the airplane window. The traveling artist's sketchbook is an old pocket calendar. To preclude any ideas the viewer may have of making connections between the schedule recorded therein and the city views and travel destinations depicted, the artist has turned the calendar upside down before drawing. Although there is no causal relationship between the dates and drawings, a formal dialog develops between the lines and surfaces and the printed page format. Occasionally coincidental associations do in fact arise between Osten's work and his long-since outdated calendar entries. For their final presentation, the calendar drawings are rendered as large high-quality prints on canvas.

The drawings capture atmospheres and moods, impressions of different countries and places that remain hidden to the tourist's eye as soon as its gaze has locked onto the usual sightseeing attractions. And yet many of these perspectives also go unappreciated by the native, who no longer can see anything special in the familiar. "Maybe the real traveler is always in the eye of the storm. The storm is the world; the eye is that with which he views it. In the eye it is quiet, and anyone who is in that place can make out things that pass by people who stay at home," states Arab philosopher Ibn al-Arabi, quoted by Cees Nooteboom in the book Nomad's Hotel. Olaf Osten is interested less in imposing facades than in details, like the view of a bridge over the Donaukanal from below, a housefront in Hamburg, a typical Viennese staircase, the Serapionstheater in Vienna, a breakfast deli in Manhattan, the view from a window in Brno, or the activity of workers at a construction site on Wallensteinplatz. The abundance and variety of the series is striking. Taken in total, it reproduces the rhythm of a year in the artist's life. He continues to produce these drawings, not working according to any plan and remaining open to the impressions of the situation at hand. They conserve traces of passing time and of the artist's personal activities. Layers of Osten's private and artistic biography overlap in the manner of a palimpsest, without ever becoming anecdotal. Sketchy lines, quickly drawn and left intentionally scraggly, underscore a casual, almost random approach the subject matter. At times visual elements coincide in the same place on the page, as in the Lerchenfelderstrasse scene, where streetcar, pedestrians and buildings partially overlap, evoking the simultaneity and dynamism of the urban setting. Often such impressions remain in consciousness for only a split second after crossing the threshold of perception.

The pictures tell of interposed urban worlds, approached individually through the process of drawing, which goes beyond the seen to express the atmosphere of the place, feeling its oscillations. Some of the images are concretely defined, while others are only flighty sketches of what passes before the eye, as in the depiction of the "Enzi" outdoor furnishings in Vienna's MuseumsQuartier. Interior scenes switch off with street views. Nonetheless, one recognizes the places, even when they are only implied by a few lines. "Cities, like people, can be recognized by their gait," writes Robert Musil in his novel The Man without Qualities. The way in which movement swings through the streets, Musil claims, characterizes a city far more than any particular characteristic feature. Osten's drawings, without adhering to set formal, compositional or logical principles, are also a cartography of time. Duration, however, remains undefined, which ­allows comparison with the Diarios of Argentinian artist Guillermo Kuitca, who writes of his series: "There is no concept of perfection, no expectation of a result."

"We must always discover the world anew,
see it anew and learn to grasp it it anew."

Maps, in the artist's second series, coalesce into poetic and territorial worlds of imagination, in which reality and fiction overlap. Olaf Osten surveys the world anew, generating new spatial relationships and formal tensions. In this series the pocket calender as a drawing surface is replaced by the conventional school atlas.
The artist thematizes the paradox of land surveying, very much in the sense of the discussion between Pater Zea and Alexander von Humboldt in Daniel Kehlmann's novel Measuring the World. The former sees the landscape in unmediated perception, while the latter surveys it, relying on lines that enable him to grasp the multiplicity of the world. "Lines are everywhere, said Humboldt. They are an ­abstraction. Wherever there is space as such, there are lines. / Space as such is elsewhere, said Pater Zea. / Space is universal! / The universal is an invention." The cartographic approach is most certainly ­rational, and Olaf Osten would not argue with it, "but that is not how the world looks; we don't perceive it from this aerial perspective. Our gaze orients itself to the terrain, to the horizon."

The horizon has always been a constant in the artist's work, particularly in the series Tele-Vision, and it is also essential to the map pictures, which carry the same title and are numbered consecutively. Osten breaks the cartographic view by using the map as a surface for abstract painting, which nonetheless, in the interplay of map and color, is reminiscent of landscape. The land becomes a harbor, whole countries disappear into the sea, and stretches of land that were never near the water become steep seaside cliffs. Osten's painting is gestural, at times opaque and then transparent – anarchically he paints for himself a new world. The actual map is of almost no importance, serving only as a frame of reference for the artist's selection of color. "In contrast to the pocket calendars, the atlases provide a structure, which can be used for orientation or ignored. In any case, they open a broad spectrum within which I can either expand on what is already there or paint over over it. I show nature without the mathematical coordinate system of mapmaking."