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Daniela Wageneder

Endlich – immer nie im Paradies
Daniela Wageneder-Stelzhammer, zur Serie Offline, 2025

Die Welt ist endlich, die Welt ist voll von ­zählbaren und sich berührenden Dingen.
(1)  
Roland Barthes

Weiße Acrylfarbe, gesamtflächig mit der Hand verteilt auf einem Tablet, durch Wegnehmen der Farbe entsteht ein Bild. Die Scheibe trennt nicht nur das Innen vom Außen. Dort entspinnt sich die feine Freundschaft ­zwischen dem Weiß der Farbe und dem Schwarz des Bildschirms – zwischen Da-Sein und Nicht-Da-Sein. Indem der Künstler das Tablet auf seine reine Oberfläche reduziert, lässt er unser Wissen über den Gegenstand selbst kollidieren. Das Tablet ist dabei immer mehr als der Untergrund, der bloß übermalt wurde. Es ist ein Palimpsest.(2) Zeitlich überlagert – darunter gespeichertes Wissen, zu dem wir keinen Zugang mehr haben.

Zeit als Variable spielt dann eine Rolle, wenn es um die davor verbrachte geht. Nicht in gezählten Minuten und Sekunden, jedoch in der Art und Weise, wie wir vor dem Bildschirm bzw. vor dem Bild Zeit verbringen. Da besteht ein qualitativer Unterschied. Es treffen voneinander abweichende Tätigkeiten und Erwartungshaltungen aufeinander. Osten konterkariert den Bildschirm. Von der Bilderflut zum Einzelbild. Vom Fenster in eine ­andere Welt, zum Trugbild. Das verändert, wie und was wir ­sehen. Der Touchscreen des Tablets wird von einem ­Objekt der Berührung zu einem, das nicht mehr berührt wird. Olaf Osten entmachtet die Hand zugunsten des ­Auges der Betrachter:innen. Das Rauschen der Bilder ist zu Ende. Das Benutzen eines Tablets unterscheidet sich vom ­Betrachten des gemalten Bildes. Auf der ­einen Seite: ein quantitatives Konsumieren – Bilder, die wir ­schauen, aber die wir zu keiner Zeit besitzen. Jedes Bild weicht hier einem anderen. Wohingegen, wenn wir die gemalten Landschaften anschauen, betrachten wir. Länger, intensiver, tiefer, eingehender. Malerei ist Illusion: Woanders und noch nicht, also das Gegenteil von hier und jetzt – fordert sie vom Betrachtenden die Bereitschaft, diese Illusion als Realität anzuerkennen. Die Erwartung in beiden Fällen ist eine jeweils andere. Zeitwahrnehmung und Besitzverhältnisse unterscheiden sich. Michel de Certeau beschreibt: Das Eigene als Sieg des Ortes über die Zeit.
(3)[H]ier gilt das Gesetz des Eigenen. Ein Ort ist eine momentane ­Konstellation von festen Punkten. Er enthält einen Hinweis auf eine mögliche Stabilität. Ein Raum entsteht, wenn man ­Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und die ­Variabilität der Zeit in Verbindung bringt. Ein Raum ist ein Geflecht aus beweglichen Elementen. [...] Er ist also ein Resultat von Aktivitäten [...]Im ­Gegensatz zum Ort gibt es also weder eine Eindeutigkeit noch die Stabilität von etwas ‘Eigenem’.(4) Das Tablet wird vom Raum zum Ort. 

Ebenso wie in der Literatur ich nie jemand anderes ist als die Person, die ich sagt
(5), ist die Person, die ein Bild betrachtet, immer diejenige, die es gerade eben ­betrachtet. Der Künstler/die Künstlerin ist die ­Vergangenheit des eigenen Kunstwerkes. Es gibt ein Davor und ein Danach. Der Künstler/die Künstlerin ­existiert vor dem Bild und dieses wiederum vor uns, die wir es ­betrachten. Die Herstellung einer Gegenwart durch den Akt des ich, so Michel de Certeau, benennt die Gegenwart als eigentliche Zeitlichkeit. „Sie ­erzeugt ein Vorher und ein Nachher. Die Existenz eines Jetzt, das Präsenz in der Welt bedeutet.“(6) Als würde sein Nach­name ihn ständig dazu verleiten, sehnsüchtig in eine Himmels­richtung zu blicken, stellt Olaf ­Osten in seiner Serie Offline die Frage nach dem Sein an sich.

In der romantischen Malerei steht das Meer für das Wechsel­­­­spiel zwischen Faszination und Furcht, Kontrolle und Hingabe. Betrachtet aus einer sicheren Position zeigt das tosende Meer die Grenzen menschlicher Kontrolle ebenso wie die schier unendliche Weite und Tiefe des Meeres von Sehnsucht und Fernweh spricht. Heiderose Lange merkt an, dass sowohl Caspar David Friedrich das Meer und den ­Schiffbruch als Symbole einer übermächtigen Natur zeigt, und auch bei William Turner das aufgewühlte Meer als ­Sinnbild für den Sieg der Natur über den Menschen und seine kulturellen Errungenschaften erscheint, aber dabei ein weiteres zentrales Thema der Romantik sichtbar wird: die Einsamkeit des Menschen in der Natur und die tief ­empfundene Sehnsucht nach dem Eingebundensein.
(7) 

Bei Olaf Ostens Serie handelt es sich, vergleichbar mit Gerhard Richters Seestücken, um fiktionale Konstrukte, jedoch – anders als bei Richter – ohne direktes mediales Vorbild. Motivisch angelehnt an die Romantik, nimmt auch der Titel Offline diese dichotomische Unterscheidung auf und spiegelt die Sehnsucht nach einer nicht von Menschen gemachten Wirklichkeit. Die Darstellung des Meeres in Ostens Bildern ist wild, düster, tiefschwarz. Nur Gischt als Hinweis über Stärke und Richtung des Windes. Der Himmel zumeist wolkenverhangen, beinahe unheilvoll, von Nebelschwaden durch­zogen und keine Spur von Zivilisation oder ­menschli­chem ­Leben. Kein rettendes Schiff in der Ferne. Zurückgeworfen auf die eigene Existenz. Ostens Serie hat alle Komponenten einer zeit­genös­sischen Robinsonade. Offline sein, beinahe gleichbedeutend mit: an einer einsamen Insel gestrandet sein. ­Abgeschnitten vom Rest der Welt auf sich selbst zurückgeworfen. Ohne ­Kontakt nach außen wird das vermeintliche Paradies schnell zu – verloren im Paradies. Von The only paradise is paradise lost
(8) bis zur Konsumkritik von I’m lost in the supermarket [...] It’s not here. It disappear.(9) wird klar: Kulturell haben wir viel zu verlieren im Paradies.  

Ostens Bilderzyklus entführt uns in eine Ferne. Es gibt kein Anderswo mehr. Wir sind das Wirkliche.



(1) Barthes, Roland: Mythen des Alltags, Frankfurt a. M., Suhrkamp, Erste Auflage 1964, S. 39.
(2) Der Begriff „Palimpsest“ geht zurück auf eine antike Praxis, bei der bereits beschriebene Materialien aus Gründen der Sparsamkeit beispielsweise durch Abschaben für eine erneute Nutzung vorbereitet wurden.
(3) Vgl. De Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin, Merle Verlag, 1988, S. 88.
(4) De Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin, Merle Verlag, 1988, S. 217 ff.(5) Vgl. Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache, Frankfurt a. M., Suhrkamp, Erste Auflage 2006, S. 59.
(6) De Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin, Merle Verlag, 1988, S. 84.
(7) Langer, Heiderose: Das Schiff in der zeitgenössischen Kunst: eine ikonografische Analyse / Heiderose Langer, Essen, Verl. Die Blaue Eule, 1993, S. 112 ff.
(8) Marcel Proust, In Search of Lost Time. “The only true paradises are the paradises that we have lost.“
(9) Joe Strummer and Mick Jones, Lost In The Supermarket (The Clash, London Calling 1979).


Daniela Wageneder-Stelzhammer ist Kuratorin für Gegenwartskunst und verbindet in ihren Ausstellungen und Projekten Installation, Multimediakunst und Popkultur.