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Helga Nowotny

Von Online zu Offline
Helga Nowotny, zur Serie Offline, 2025

Beim ersten Blick auf die Bildserie Offline zeigt sich mir eine Welt ohne Farbe. Es dominiert ein dunkler Hintergrund, teils eindringlich, teils herausfordernd. Eine vermeintlich schwarz-weiße Welt, in der ­scheinbar vertraute Landschaften auftauchen: Berge, Krater und ein mysteriöser See; ein Feuer sprüht Funken in die ­Dunkelheit, und eine kaum beleuchtete Straße ­kurvt ins Unbekannte. Höhlen befinden sich über und ­unter der Erde, einige mit Malereien geschmückt, andere ­erinnern an Lagerhäuser. Es gibt Szenerien mit Bäumen und ­Schnee, sowie Ufer von Seen mit Inseln am Horizont. Doch das vertraut Wirkende erscheint hier auf unheimliche ­Weise deplatziert. Es braucht eine Weile, um sich neu zu ­orientieren bevor man die Ursache der Irritation ­erkennt: Es ist das Format. Die Konturen der Bilder sind zwar klar abgegrenzt, aber weder Rahmung noch Größe ­ent­sprechen den Erwartungen. Langsam dämmert es der ­Betrachterin, dass es sich um jene Objekte handelt, die wir oft in der Hand halten und die Teil unseres ­digitalen Alltags geworden sind – Tablets. 

Im Gegensatz zu ihrem üblichen Erscheinungsbild sind sie von allen elektronischen Verbindungen und ­digitalen Inhalten befreit – sie sind außer Funktion, totes ­Material ­– und doch sind sie da, um mit uns auf neue Art und ­Weise zu kommunizieren. Diese Geräte wurden nicht nur vor ihrem vorgezeichneten Schicksal bewahrt, ­nämlich auf ­einem Elektro-Schrottplatz zu landen, oder gar auf einer der immensen Elektronik-Müllhalden ­irgendwo in ­Afrika, wo stolpernde Kinder versuchen, ­ihnen ­verwertbare Reste zu entnehmen. Die Tablets wurden ­umfunktioniert, vom Künstler gerettet, wiederbelebt und in Offline-Kunst verwandelt. Anstatt den ­Bildschirm leicht zu berühren, um vorprogrammierte digitale ­Inhalte zu importieren, die unser Leben bequemer machen oder uns ­manipulieren sollen, hat die haptische Geste des Künstlers weiße Farbe auf der schwarzen Oberfläche verteilt und so neue Formen geschaffen. Anstatt uns in flüchtige Texte, Bilder und Werbung hinein­ziehen zu ­lassen, die unterhalten, anregen oder falsch ­informieren, werden wir eingeladen, eine Welt zu ­betreten, die wir vielleicht ­verloren ­haben – die aber ebenso eine Welt sein könnte, die darauf wartet, neu entdeckt zu werden. 

Das ist die evokative Kraft der Kunst: Sie verändert die Art und Weise, wie wir uns mit der Realität auseinandersetzen, und eröffnet einen imaginären Raum des Sehens, Erinnerns und Schaffens. Der mit weißer Farbe überzogene touchscreen beansprucht nun Dauerhaftigkeit, anstatt darauf zu warten, ständig ein- und ausgeschaltet zu werden. Das Tablet und seine frühere Funktion wurden befreit. Die schnelle Bewegung des ­Fingers dient nicht mehr als Aufforderung, ein ­digitales Menü sofort anzuzeigen. Nun sind wir eingeladen, uns mit unseren Augen und Körpern frei in dem für unsere Vorstellungskraft geöffneten Raum hin- und herzubewegen. 

Kunst verführt uns dazu, neue Fragen zu stellen. Ihre Auseinandersetzung mit den digitalen ­Technologien, die unser Leben und unser Verhältnis zur natürlichen Umwelt prägen, wird zu einem entscheidenden Tor für die Zukunft. Das stillgelegte Tablet hat eine neue ­Existenz als Medium der Kommunikation mit uns erlangt. Wir können so in eine Welt eintauchen, die wir aus der Vergangenheit wiedererkennen, doch die eindringlichen Szenen fordern uns auf, über eine ungewisse Zukunft nachzudenken, die im Werden ist, Gestalt anzunehmen. Die Kunst hat ­Online in Offline verwandelt. Es ist eine Welt, die uns schemenhaft bekannt erscheint, doch sie in Schwarz und Weiß zu halten, teils eindringlich, teils schelmisch, schafft einen Raum, in dem wir uns fragen, wer wir sind und wohin wir gehen. Wir haben den Ort des Dazwischen-Seins betreten - einen neuen Ort zwischen Online und Offline.


Helga Nowotny ist eine international bekannte ­Wissenschaftsforscherin und Professorin emerita der ETH Zurich. Sie war Gründungsmitglied, ­Vize-­Präsidentin und von 2010 bis 2013 Präsidentin des 2007 gegründeten Europäischen Forschungsrats, ERC. ­Zurzeit ist sie u.a. Vorsitzende des Wissenschaft­lichen Beirats des Complexity Science Hub Vienna und Mitglied des FORWIT, des Rats
für Forschung, ­Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung und in anderen europäischen ­Beratungsgremien tätig. Sie ist nach wie vor aktiv in der globalen ­Diskussion über die Bedeutung der Grundlagen­­forschung, Innovation und der Beziehung zwischen Wissenschaft und ­Gesellschaft involviert.